Smalltalk im Flieger nach Hongkong: Vom Handwerk zur KI – und warum Deutschland den Anschluss verpasst

Bald jährt sich unser wunderbarer und den Horizont erweiternder Trip über Hongkong nach Thailand. Bislang unerzählt geblieben ist hier jener Dialog zwischen meinem Sitznachbarn und mir auf dem Hinflug gen Hongkong. Die ersten Stunden vergingen zunächst ohne das tiefere Gespräch, dann aber folgte ein sicherlich zweistündiges Plaudern.

Eines Fremden Lebensentwurf

LInks von mir saß Melania Yogavia tief versunken in ihrem Solitair auf ihrem In-Flight Entertainment System. Auf dem rechten Platz zum Gang war dieser junge deutsche Ingenieur mit sehr klaren Vorstellungen ob seiner Zukunft. Er gewährte mir Einblicke in seine Vergangenheit, aber auch den Vorausblick in seine selbstgestaltete Zukunft in Asien. Was er mir hoch über den Wolken erzählen sollte, das bleibt verknüpft mit jenen wirtschaftlichen Einbrüchen und den industriellen Verschiebungen globalen Maßstabs, wie wir sie allesamt und zunehmend deutlich registrieren können.

Über seines Vaters Liebe und Akzeptanz

Ein Mittzwanziger mit asiatischen Gesichtszügen, daher war vorhergehend meine Annahme, der Gute sei Hongkong-Chinese auf dem Heimflug. Tatsächlich jedoch redeten wir unter Deutschen. Er hingegen mit Wurzeln, die sich über Kontinente erstrecken. Sein Vater, ein waschechter Handwerksmeister aus dem Ruhrpott mit eigenem Betrieb in Heizung, Sanitär und Klima. Seine Mutter stammt von den Philippinen. Er erzählte von seinem Vater, der natürlich den Traum hatte, dass der Sohn irgendwann einmal den Familienbetrieb übernimmt – Schraubenschlüssel in der Hand, Kundenberatung am Telefon, das volle Programm der prima tüchtigen Alltagsrealität. Anerkennend schildert mir mein Gegenüber, wie ihn sein Vater schon früh dafür gewinnen konnte, einfach mit zu den Kundenaufträgen zu fahren, über die Schulter zu schauen, das Handwerk zu atmen.

Doch so wie mich das Leben über Umwege zum Yoga führte, so anders und doch vergleichbar geschah es ihm. Sein Vater akzeptierte seines Sohnes Entscheidung gegen das Handwerk, für das Studium der Informatik. Weg von Rohrleitungen hin zu Algorithmen und Codes. Heute ist er seit Jahren in der Materie und längst tief drin im Feld der Künstlichen Intelligenz.

Sprachen zwei Nerds hoch über den Wolken

Unser gemeinsamer Flug war für ihn wie auch für mich und Melania Yogavia nur eine Etappe. Für uns sollte es weitergehen nach Phuket / Thailand, ihn hingegen erwartete der Hightech-Flair von Singapur, wo er sich auf einen hochinteressanten Job im AI-Bereich bewerben wollte. Nicht irgendeinen Posten – nein, er präsentierte der Firmenführung seine eigenen Konzepte, Visionen von maschinellem Lernen, das Probleme löst, die wir uns gestern noch nicht mal vorstellen konnten. Immer wieder hörte er auch mir interessiert zu, vernahm schnell meine Tech-Leidenschaft und so waren wir immer wieder auch mal mit Details zugange ob der Verzüge von Programmiersprachen, Mensch-Maschine-Schnittstellen, Tendenzen im Chipdesign und vielem mehr.

Deutschland reguliert, verwaltet, paralysiert

Letztlich lässt sich jedoch in Europa ein derlei Gespräch nicht ewig führen, ohne auch auf die Politik zu sprechen zu kommen. Er sprach von Deutschland und der „Regression“, den kontinuierlichen Abbau, den systematischen Rückschritt. Aus seiner Sicht, geprägt von jemandem, der in der Schnittstelle von Kulturen aufgewachsen ist, bietet die Bundesrepublik, ja die gesamte EU, keinen Raum mehr für Innovatoren wie ihn. Alles sei blockiert, von Gesetzen umzingelt wie von einer unsichtbaren Mauer. „Deutschland hat noch nicht mal richtige AI-Entwicklungen vorzuweisen“, sagte er, „aber wir regulieren sie schon mit Hochdruck.“ Das sei das perfekte Sinnbild für die Innovationsfeindlichkeit der BRD und der EU: Vorschriften stapeln sich höher als die Chancen, Bürokratie erstickt den Pioniergeist im Keim. Er malte ein Bild von einem Kontinent, der sich selbst paralysiert, während der Rest der Welt – Asien vorneweg – voranstürmt.

Er erklärte es mit einer Mischung aus Frustration und Sachlichkeit: In Deutschland dominiere eine Kultur der Vorsicht, die jede Neuerung mit Datenschutz, Ethik-Kommissionen und Haftungsfragen belaste. Nehmen wir die AI-Regulierung: Die EU bastelt am AI Act, einem Regelwerk, das Risiken klassifiziert und Verbote ausspricht, bevor die Technologie überhaupt flächendeckend angewendet wird. Für ihn, der in KI forscht und entwickelt, damit ein tragendes Business starten will, fühlt sich das an wie ein Verrat an der Zukunft. „Menschen wie ich“, sagte er – und meinte damit wahrscheinlich jene mit frischem Blick auf alte Strukturen – „sehen hier keine Chancen. Alles ist unmöglich gemacht.“ Die spannenden Dinge, die bahnbrechenden Durchbrüche, passieren anderswo: In Singapur, in den USA, in China. Dort fließen Investitionen, dort experimentiert man, dort entstehen die Netzwerke, die die Welt verändern.

Mit Interese hörte ich zu, vermutlich mit vielem zustimmenden Nicken. Ein System, das auf bewährten Pfaden verharrt, unfähig, aus dem Trott auszubrechen. Deutschland, mit seiner starken industriellen Tradition, klammert sich an das Bekannte: Autos, Maschinenbau, Exportstärke. Und dann, Chaos tritt ein, nimmt der grüne Wind der Industrie alle Hoffnung. KI? Das ist etwas Abstraktes, Riskantes, das man lieber zähmt, bevor es entkommt. Doch in einer globalisierten Welt, wo Talente wie mein Sitznachbar mühelos Grenzen überspringen, bedeutet das: Brain Drain. Die Besten gehen, und zurück bleiben die Regulatoren, die Verwalter. Natürlich ist das nicht die ganze Wahrheit. Deutschland hat Erfolge vielleicht in der Bio-Tech, im Rüstungswesen leider, aber im AI-Feld? Nie und nimmer. Die Top-Unis in KI sind in Stanford, Peking, Singapur. Unsere Hochangesehen-Institute mühen sich, aber der regulatorische Ballast wiegt schwer, Hierarchien lasten schwer wie Beton auf eigentlich allem.

Mein Gesprächspartner sah es schwarz-weiß: Europa als „Museum der Industriegeschichte“, Asien als „Labor der Zukunft“. Ich widersprach nicht.

Wie steht Yogavus zum Thema AI?

Persönlich fürchte ich die AI, weil ich in den letzten Jahren mit größtem Interesse die exponentiell wachsenden Möglichkeiten der Systeme beäuge. Alles in mir fürchtet, dass wir als Menschen irgendwann obsolet werden, dass wir in einer Gaga-Welt von intelligenten Netzwerken und Maschinen bevormundet und eingesperrt und reduziert werden. So verwende ich in meinem Alltag keine AI-Hilfen, auch dieser Blog verzichtet auf Tools, Bilder und Texte aus irgendwelchen AI-Prompts. Doch das ist meine persönliche Prägung. Übergreifend muss auch ich anerkennen, dass das Feld wichtig ist. Eine den Trend verschlafende Nation wird abgehängt werden, schließlich degradiert zum Schwellenland.

Unterdessen sehe ich die Leute um mich herum im Büro, wie sie heimlich ihren Bildschirm mit ihren AI-Apps filmen und sich sagen lassen, was sie wo auszufüllen haben, was sie in den E-Mails schreiben, wie sie die Dokumentation befüllen. Die Vorgesetzten finden es gut, pimpen selbst längst schon ihre Übersichten und Kurven mit ähnlichen „intelligenten“ Helfern. Liebe Freunde, das ist meiner Befürchtung nach längst unumkehrbar.

Teilweise reden die Leute schon so, wie eine AI auf Fragen antwortet. Auch die Nachrichten sind geprägt von der AI, da mittlerweile kaum noch etwas ehrlich Denkleistung ist. kaum noch lesbar. Nur noch AI-Auswürfe mit symmetrischen dummen Textwüsten. Herrje, Yogavus, reg dich nicht auf …

Nun das prima Schlusswort

Wenn alles schiefgeht mit der KI-Revolution hier in Deutschland, hier in der EU, also mit der „post-industriellen“ neuen Lebensform, dann bleibt uns immer noch die Möglichkeit, uns auf die Landwirtschaft vorindustrieller Prägung zu fokussieren. Pflügen wir Felder mit Pferden (als Veganer werde ich selbst den Pflug ziehen müssen), ernten wir mit der Sense, befüllen wir die Einmachgläser für die in unseren Gefilden romantisch lange Winterzeit. Dann braucht es auch keine Regulierungen, folgen wir allein dem Rhythmus der Natur.

Zwischendrin machen wir ein wenig Pranayama, denn für Asana wird uns dank der prima ehrlichen körperlichen Arbeit keine Energie bleiben. Freilich wird dann der eine oder andere merken, dass die Industrie damals ein Garant für jedermanns Wohlstand und Lebensqualität gewesen ist.

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