Wochenmotto in meiner Yogawoche die Balance. Aber was hat das mit der Fahrzeugentwicklung zu tun? Das wird weiter unten aufgelöst. Versprochen. Wichtig bleibt in diesem Zusammenhang, dass ich in meinen letzten zehn Jahren im Prinzip permanent mit dem fraglos spannenden Sektor Automotive zu tun habe. In der Schnittstelle zwischen Forschung und Entwicklung und der Bereitstellung industrieller Fertigungsmethoden und Kapazitäten mit Bezug auf die komplexe Serienfertigung ergänze ich mit meinem Tun jene komplexe Maschinerie, welche uns am Ende das fahrfertige Auto beschert. Dem Thema Auto bin ich stets privat wie beruflich mit großem Interesse und pochendem Herzen begegnet. Und wer hätte gedacht, dass es am Ende Parallelen zum Yoga geben könnte …
Automotive beheimatet Nerds
Mit der Zeit konnte ich zurückblicken auf die Erfahrung mit den Beteiligten der Branche. Insgesamt bleiben positive Erfahrungen mit spannenden Menschen, mit auch sehr unterschiedlichen Lebensentwürfen. Wer mich persönlich kennt, der kennt mich redselig, aber auch technisch hochinteressiert. Von daher war die Automobilbranche stets der Ort, an dem ich ganz viele sympathische Nerds antraf, sie tummeln sich dort! So viel ist mal sicher.
Solche, aber gottseidank auch solche Menschen
Ja, es gibt die Strategischen Einkäufer, die großspurig Zulieferern Friss-oder-stirb sagen. Wer es gewöhnt ist, vom existentiell taumelnden Lohnfertiger einfach trocken die offene Kalkulation einzufordern und dann selbstbewusst vom Gegenüber den Verzicht auf das Bisschen Gewinn fordert, der ist mitunter im Privatleben auch nicht sympathischer. Es mag auch andere Einkäufer in Automotive geben, begegnet bin ich ihnen noch nicht.
Gottlob gibt es all diejenigen, die das gute Herz mit der guten Technik in Balance halten. Mehr Gespräche als ich sie zählen könnte, habe ich mit von ihrer Sache begeisterten Ingenieuren und Technikern geführt. Immer wieder wechselten die Unterhaltungen ins Private, in jene Gefilde daheim, wo unsere technisch-orientierten Hobbies auf uns warten. Und niemanden soll es wundern, dass diese Art Mensch besonders offen ist für Themen wie Physik, Astrophysik, Raumfahrt, Computertechnik, Grenzthemen der Wissenschaft und letztlich auch Spiritualität. Denn wer die Technik wirklich in der Tiefe versteht, der ahnt die Hand Gottes.
Balance zwischen Design und Industrialisierbarkeit
Entsprechend und dank auch solcher Talks abseits von Pflichtenheften habe ich ein robustes Verständnis für die Denkweise wie auch die Wünsche von Entwicklungsabteilungen entwickelt. Gleichzeitig habe ich aber auch stets Verständnis und ein Lächeln ob der Sorgen und Nöte aller Ingenieure und Techniker in der Produktionsvorbereitung und Fertigung. Sie müssen schließlich für das in R&D Ersonnene Produkt Auto mithilfe der Bereitstellung von hierfür angepassten Fertigungsanlagen und Prozessen Strukturen schaffen, damit am Ende der automobile Traum Wirklichkeit wird.
Yogische Balance und Fahrzeugfertigung
Diese Woche noch ging es spirituell-geistig um die Balance, das Gleichgewicht, auch mit Bezug auf den Körper und seine Homöostase. Ohne Scham lässt sich diese Denkweise auch applizieren auf den Bereich Automobilentwicklung und -fertigung. Wie das? Nun, Elektronikfertigung robuster wärme- und schüttelresistenter Baugruppen, die zudem noch bittschön ein Autoleben lang halten. Tiefziehteile, gefräste und Spritzgussteile aus Kunststoff, die gerade im Sicht- und Anfassbereich über den Nutzungszeitraum auch unter extremen wie widrigen klimatischen Bedingungen und möglichst auch bei Pflegerückstand ihre Oberflächenanmutung und ihre Festigkeit bewahren. Oder wie sie auch im Gegenzug die gewollte Elastizität beibehalten sollen. Dann kommen noch Verbrennermotoren und Kraftstofftechnik oder Servomotoren und Aluframes für die Batterien, da ist die Software, Connectivity und autonomes Fahren, da ist der Bereich Karosserie und Fahrgastzelle, letzteres ist neben aller Spielereien und Annehmlichkeiten auch ein Überlebensraum.
Das alles in Harmonie zu bringen, in Balance, bezahlbar zu machen, nicht zu schwer werden zu lassen, für ein langes Autoleben zu rüsten, das ist ein Kunststück, erbracht vom Kollektiv. Alle Beteiligten aus dem Bereich Automotive schaffen etwas Echtes, vom Zeichner im Prototyping, über den Umrüster an der Spritzgussmaschine beim Zulieferer bis zum Fließbandmonteur im Werk, sie haben alle meine tiefe Achtung vor ihrem Tagwerk.
Von meinem spirituellsten Dialog mit einem Automotive Entwicklungsingenieur
Die hier „zu Papier gebrachte“ Erinnerung geht zurück auf das Jahr 2008. Damals hatte ich Bock, auch mal im Felde tätig zu sein, bei den in der Branche gut bekannten Fahrpräsentationen für die Pressevertreter. So hatte ich die Gelegenheit, als externer Mitarbeiter für einen großen Automobilkonzern zu arbeiten.

Es waren interessante und sehr intensive vier Wochen, die mein Verständnis für diese Branche nachhaltig geprägt haben. Die Automotive-Industrie schafft Arbeitsplätze für Millionen, fördert Wohlstand und zelebriert echte Ingenieurskunst. Und wer mich kennt im echten Leben, oder war mal hier regelmäßiger mitliest, der weiß um meine Skepsis ob grüner post-industrieller Träume. Doch soll das hier nicht das Thema sein. 😀
Hier entstehen Innovationen, die unser tägliches Leben erleichtern und wirtschaftliche Fortschritte ermöglichen. Und diese Pressearbeit, von der hier die Rede ist, dieses Vorstellen des Produkts in Serienreife, das ist etwas ganz Besonderes. Wie kommt das Produkt an? Schließlich ist das Sehen in echt, das Reinsetzen, das Losfahren, das Fühlen des Autos „in motion“ mit dem Hinterteil im Gestühl und den Händen am Lenkrad eine andere Nummer, ein anderer Bewertungsmaßstab, als das bloße Bewundern von in Hochglanz gerenderten Bildern aus vorliegenden 3D-Daten.


Doch bevor ich tiefer in meine Erlebnisse eintauche, sei gesagt: Es gäbe noch so viel mehr zu erzählen als das, was du hier in diesem bescheidenen Samstags-Blogpost vorfindest. Etwa über die charakteristischen Eigenheiten ausländischer Automobiljournalisten, die mitunter über die Stränge schlagen. Oder über kleinere Zwischenfälle, die in solch einem Monat unweigerlich vorkommen – Missgeschicke, die mal amüsant, mal herausfordernd waren. Aber über diese Dinge kann, darf und sollte man auch nicht sprechen. Menschliche Unvernunft oder Fehltritte sollten den verdienten Glanz großartiger Entwicklungen nicht mindern. Stattdessen möchte ich mich auf das Positive konzentrieren, auf die Menschen und Momente, die inspirieren.
On- und Offroadpräsentation am Ritterschloss
Der Schauplatz war das Bergische Land, eine hügelige Region östlich von Köln, mit kurvigen Straßen und dichten Wäldern – ideal für automobile Tests. Der Konzern hatte für einen ganzen Monat ein prächtiges Ritterschloss angemietet, eine historische Location mit beeindruckendem historischen Gemäuer, einem weitläufigen Park und vor allem ein wenig Wald für den Offroad-Teil der Veranstaltung. Es diente als Basis für eine umfangreiche Pressevorstellung: Journalisten aus aller Welt wurden eingeladen, um Vorserienfahrzeuge zu fahren und darüber zu berichten.


Die geladenen Leute waren untergebracht im prima Hotel, morgens ging es für sie von dort schon los mit den quasi von Hand gebauten Vorserienfahrzeugen. Tagsüber testeten sie die Prototypen auf den Landstraßen, notierten Eindrücke, die später in Fachzeitschriften erscheinen sollten. In den Navigationssystem werkelte eine eigens für dieses Event etablierte Software, mit Wegpunkten an besonders fotogenen Plätzen. Schließlich soll das Auto gut aussehen, es soll die Entwicklungskosten wieder einspielen, am Ende allen Tuns muss gelungener Vertrieb alles Technische ergänzen.
Als externer Mitarbeiter war ich in einem Team, das den Ablauf gewährleistete, die Vorserienfahrzeuge bereitstellte, den Journalisten auch für einfache Fragen beiseite stand.
Täglicher Zusammenhalt mit den Schöpfern des neuen Geländewagen Luxus Kompaktklasse
Was diese Wochen jedoch besonders machte, waren die am neuen Modell beteiligten Entwicklungsingenieure des Konzerns, die vor Ort mitarbeiteten. Sie waren keinesfalls nur Beobachter; sie sorgten dafür, dass alles reibungslos lief. Zwischen den Fahrten der Journalisten arbeiteten sie oft bis in die Nacht: In eingerichteten Werkstätten reparierten sie mitunter auch haarsträubende Hinterlassenschaften von erlebnisorientierten Pressemenschen, justierten Federungen oder optimierten die Elektronik an den Vorserienfahrzeugen. Es war beeindruckend, ihre Hingabe zu sehen – präzise, leidenschaftlich und ohne Murren über die langen Stunden.

Die Automotive-Branche lebt von solchen Fachleuten; sie verwandeln theoretische Konzepte in greifbare Produkte. Unsere Tage waren lang, der Wecker tönte um halbfünf, aber meine Erinnerung zeigt mir so viele vom Humor geprägte Situationen und ich erinnere mich insbesondere an unseren wunderbaren Zusammenhalt. Anteil daran hatte sicherlich auch, dass der Konzern die Kosten für das leibliche Wohl trug. Wir aßen mit Genuss und gemeinsam in den Restaurants der beteiligten nahegelegenen Großstadt oder im Gasthaus neben dem Ritterschloss.
Abends dann im 4-Sterne-Businesshotel, dort war das ganze Team des Konzerns mit allen Externen untergebracht. Dort redeten und tranken wir (moderat) teils bis spät. Die Getränkemarken für die Hotelbar waren auch nicht zu knapp und vollständig vom Konzern bezahlt. Das mag auch auf kluge Leute in der Zentrale zurückgehen, welche die Motivation als tragendes Fundament eines Teams begreifen.
Wir sprachen nicht über unseren neuen Allround-SUV, über den Böschungswinkel von 23°/25°, den Rampenwinkel von 19° oder das Zusammenspiel des Offroad-Technik-Pakets mit Bergabfahrhilfe (DSR) und den weicheren Federn, davon gab es tagsüber schon genug.
In solchen freien Stunden entstanden Gespräche über Branchentrends, persönliche Anekdoten und mehr. Ich lernte meine Teammitglieder kennen und schätzen, ihre Geschichten und Leidenschaften. Besonders die Entwicklungsingenieure gewannen meinen Respekt – warmherzige Profis mit Witz und Weisheit.
Eine Beobachtung über diese Zunft an dieser Stelle und mit Verknüpfung Gesundheit: alle nutzten sie täglich den Fitnessraum in unserem Hotel, alle hatten sie immer den Salat zur Hauptmahlzeit. Eine interessante Beobachtung, wie ich meine. Am Ende ist auch unser Körper eine (ungleich komplexere) Maschine. Alles funktioniert so gut, wie wir uns drum kümmern.
Wohlmeinende Tagespresse
Es spielte sich an einem sonnigen Tag ab, als ein Journalist einer einflussreichen deutschen Zeitung unter den internationalen Gästen war. Er war ein versierter Kritiker, dessen Urteile in der Szene zählten. Er testete das Fahrzeug ausgiebig, stellte Fragen, auch ich hatte ein Stündchen mit ihm zu tun. Zwei Tage später, beim Frühstück in unserem Businesshotel, mit duftendem Kaffee und frischen Brötchen, passierte etwas Besonderes. Eine Gruppe von Entwicklungsingenieuren hatte gezielt die Zeitung besorgt. Eben das für die Zukunft des neuen Autos auf dem deutschen Markt so wichtige Presseerzeugnis, für das der erwähnte Journalist tätig war. Meine Kollegen auf Zeit blätterten darin, plötzlich ein Murmeln, dann Jubel: Der Artikel war positiv, und eine Zeile stach heraus – das Fahrzeug „glänzt durch eine ausgewogene Lenkung“. Die Ingenieure strahlten, umarmten sich lachend.
Harte Arbeit, Druck von oben, deadlines, unzähligen Nächte und Iterationen. Und dann solch ein Lob, solch ein wichtiges Signal für volle Bestellbücher. Solche Momente erinnern daran, dass hinter jedem Auto Geschichten von Engagement stecken.
Am Mittagstisch beim Ritterschloss Quantenphysik und wie Quarks in Hadronen gebunden werden
Eine wahre Perle dieser Wochen, war ein persönliches, am Ende klar spirituelles Gespräch. Am Mittagstisch des rustikalen Landgasthauses neben dem Ritterschloss aß ich in meiner Montur mit dem Konzernlogo zunächst allein, freilich auf Kosten des Automobilriesen. Von der Motivation sprach ich ja bereits. Noch vor meiner Bestellung setzte sich einer der Entwicklungsingenieure zu mir, ein Mann in den Fünfzigern, spezialisiert auf den Antriebsstrang.
Wir begannen mit beruflichen Themen: Er sprach von den Herausforderungen bei Motoren, ich teilte meine Beobachtungen. Bald jedoch entdeckten wir unsere gemeinsame Begeisterung für die Programmierung ab den alten 8-Bit Zeiten, für Netzwerke, für die Raumfahrt. Von da war es irgendwie nur ein kleiner Schritt zu Fritjof Capra und seinem Buch „The Tao of Physics“. Wir diskutierten enthusiastisch über das Tao, die östliche Weisheit, und ihre Verknüpfung mit moderner Physik – Energie, Materie und Geist als Einheit.
Nach der Hauptmahlzeit, zünftig aber gut, vertieften wir uns beim Baumkuchen in die Kernkraft, die fundamentale Kraft, die unsere Welt zusammenhält. Er erklärte mit begeisternd funkelnden Augen: „Ein einziger Parameter in den physikalischen Konstanten nur leicht verändert – und die Welt, wie wir sie kennen, existierte nicht. Keine Atome, keine Sterne, kein Leben.“ Der Mann, der tagsüber an allem zwischen Motor und Rädern arbeitet, offenbarte eine Seele, wie sie auch die eines Yogis sein könnte.
Es bleiben die menschlichen Interaktionen, die unsere Erinnerung formen und ihre Qualität definieren.
