Nur Fliegen ist schöner (OT: Comme un avion), Frankreich 2015

Mit der wunderbaren Astrid sprach ich über den französischen Film im Allgemeinen und seinen Charme, seinen Witz, seine filmische Sympathie im Speziellen. Besonders charmant finde ich immer wieder, dass der französische Film eine so deutliche sozialistische Prägung trägt – vor allem darin, wie Gemeinwohl, Bildung und Chancen auf gesellschaftlichen Aufstieg zu zentralen Handlungskernen werden.

Doch auch die französischen Komödien sind meines Herzens Labsal. Und wenn dann noch die französische Leichtigkeit in Sachen Liebe und Leidenschaft die Handlung bereichert, dann ist es mein Film der Wahl. In genau diese wunderbare Liaison von Leben und Herzensleichtigkeit fiel bereits der köstlich heitere Blick auf vermeintliche Schicksalschwere: Sie sind ein schöner Mann. Herrje, welch ein Film. Und genau solch einen Streifen ähnlicher Güte, ähnlichen Zaubers möchte ich dir vorstellen, lieber Reisender in den Weiten des Internet.

Manchmal braucht es gar nicht viel – nur einen unscheinbaren Grafiker Ende 50, einen selbstgebauten Kajak, der aussieht wie der Rumpf eines alten Postflugzeugs, und die stille Bereitschaft, dem eigenen inneren Kompass für ein paar Tage zu folgen. Bruno Podalydès, der hier wie so oft Regie führt, Drehbuch schreibt und die Hauptrolle spielt, schenkt uns mit Nur Fliegen ist schöner genau diese seltene Gabe: einen Film, der nichts beweisen will, der niemanden belehrt und trotzdem spürbar tiefer geht, als die meisten großen Gesten es je schaffen. Und ja, genau das liebe ich am Programmkino. Verneinen will ich das Großkino mit Popcorn auf dem Schoß wie auf der Leinwand nicht, aber ein Plot wie „Comme un avion“ ist zuhause im Arthouse.

Michel (wie gehabt: Podalydès selbst) ist einer von uns – oder zumindest einer, den wir alle kennen. Verheiratet, Kinder aus dem Haus, Job im Grafikbüro, und dem Tragträumen erlegen. In seinem Innern fliegt er als alter Airmail-Pilot durch die Weite der Lüfte, fast hörbar in diesen Momenten das sanfte Brummen eines Motors über unendlichen Landschaften. Eines Tages hört er auf zu träumen und baut stattdessen ein Kajak, das wie ein Flugzeugrumpf geformt ist. Und paddelt los. Flussabwärts, südlich von Paris, mit nichts als einem Schlafsack, ein paar Dosen Ravioli und der vagen Hoffnung, dass das Leben vielleicht doch noch eine unerwartete Kurve nimmt. Und trifft damit unseren Nerv, des Menschen Sehnsucht nach einem Abzweig mit Unerwartetem, Schönem, neuen Raum für Gedanken, Fantasie, Liebe.

Was folgt, ist keine große Abenteuerreise im Hollywood-Sinn. Weißgott, wer Yogavus kennt, der weiß um dessen Lobpreisen ob der etlichen alten und neues Perlen aus amerikanischer Filmschmiede. Doch hier warten keine dramatischen Stürme, keine durchtriebenen Aliens, keine existenziellen Krisen im Dauerregen. Stattdessen: Begegnungen. Leichte, skurrile, manchmal berührende. Eine Frau, die unserem Protagonisten zeigt, wie man richtig faulenzt. Eine andere, die ihn mit einem Lachen aus der Reserve lockt. Und dazwischen immer wieder der Fluss selbst – still, beharrlich, unbeeindruckt von Michels kleinen und großen Sehnsüchten. Podalydès filmt das alles mit einer fast zärtlichen Gelassenheit. Die Kamera (Claire Mathon, die später für Portrait einer jungen Frau oscarnominiert wurde) gleitet mit dem Wasser, verweilt bei Blättern, die auf der Oberfläche treiben, bei den Händen, die das Paddel halten, bei den kleinen Falten im Gesicht, wenn jemand wirklich lacht.

Der Humor ist typisch französisch: trocken, unaufdringlich, manchmal fast philosophisch. Es gibt keine Pointe, die laut herausposaunt wird – stattdessen diese feinen, fast unsichtbaren Momente, in denen man merkt: Ach, so fühlt sich Freiheit also an, wenn sie nicht laut schreit. Sandrine Kiberlain als Michels Ehefrau Rachelle bringt genau die richtige Mischung aus Zuneigung und leiser Irritation mit; Agnès Jaoui als Laëtitia ist pure, unverschämte Lebensfreude in Person; Vimala Pons als junge Mila fügt eine Prise jugendlicher Unbekümmertheit hinzu. Zusammen ergeben sie ein Ensemble, das nie überdreht, aber immer präsent ist – wie gute Freunde, die man zufällig am Flussufer trifft.

Was den Film so besonders macht, ist seine leise Rebellion gegen die Geschwindigkeit unserer Zeit. In einer Ära, in der selbst Urlaube durchgeplant und optimiert werden müssen, erlaubt sich Nur Fliegen ist schöner das pure Gegenteil: Müßiggang als Widerstand, Träumen als Handlung, Langsamkeit als Plot. Es ist kein Film, der Antworten gibt – eher einer, der Fragen stellt, die man danach noch lange mit sich herumträgt: Wann habe ich das letzte Mal etwas nur deshalb getan, weil es sich richtig angefühlt hat? Und warum eigentlich nicht öfter? Unser Yoga hat in dieser Lesart nichts anders als die Aufgabe, uns aus dem Strudel von schnellem Funktionieren herauszubringen, uns im Gegenzug wieder mit Sinn, mit dem bloßen Leben zu einen.

Podalydès hat mit diesem Werk (das übrigens für den Louis-Delluc-Preis und diverse Césars nominiert war) etwas geschaffen, das man selten sieht: eine Komödie, die melancholisch ist, ohne traurig zu werden; eine Fluchtgeschichte, die nirgendwohin führt und genau deshalb überall ankommt. Man verlässt den Kinosaal nicht mit dem Gefühl, etwas Großes erlebt zu haben – sondern mit dem viel kostbareren: etwas Echtes.

Uns hat dieser wunderbare Film mit dem Kajakfahren vereint. Mich lässt er hoffen ob der Menschen Imstandsein zum Leichtsein, zum Lieben. Lass mich dir sagen: Liebe und lieben bleiben der Existenz tiefster Sinn.

Und ja: Nur Fliegen ist schöner.

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