Kairo, Ägypten: Strapaziöse Megacity am Nil

Eine Luftlinie von 3100 Kilometern, nur viereinhalb Stunden weit weg, was könnte schon anders sein? Reden wir vom sinneflutenden Kairo, dann ist einfach alles anders. Offen für Neues ging mein Flug über das abendlich-dunkel Israel. Tel Aviv funkelte und zeugte vom Leben. Die dann überflogene Wüste Sinai bot mit mondbeschienener Leblosigkeit ihren Kontrast. Und dann kam irgendwann der Nil, dann tauchte an dessen Ufern Kairo auf. Herrje,

Iter Yogavi in Aegyptum anno MMVIII

Achtzehn Millionen Einwohner geraten schnell zur theoretischen Größe, darum muss man es mit eigenen Augen gesehen haben. Das Flugzeug schon recht tief und verlangsamt, die Landeklappen waren ausgestellt, da ging es noch minutenlang ab den ersten Ausläufern der Riesenmetropole bis zum rutschigen Touchdown. Stunden zuvor gab es, so berichtete man am Flughafen, einen Sandsturm mit einer hinterher alles bedeckenden Sandschicht. Das Fliegen mag ich sehr, Landungen nicht.

Ein Hotel der anderen Art in Downtown Cairo

Das Taxi hielt vor dem gebuchten Hotel. Großer Name, ganz prunkvoll, und doch war die Herberge beheimatet im vierten Obergeschoss. Das Gebäude selbst hatte kein Dach, sondern wie üblich in dieser Stadt war das obere Ende des Hauses eine Art Warten auf Wille oder Geld zum Weiterbau. Das erste Obergeschoss war Rohbau, oder wieder Rohbau und auf der Treppe, einen Fahrstuhl gab es (gottlob) nicht, da schliefen obdachlose Erwachsene und Kinder. Über sie galt es hinwegzusteigen, mit Respekt zwar, aber einen anderen Weg gab es nicht.

Im Hotel-TV. Ein Interview.

Das familiengeführte Hotel bot ein paar Zimmer im recht ordentlichen Standard, das kleine Frühstück zeugte von der Unsicherheit der Betreiber im Umgang mit Europäern. Am Ende gab es beim Auschecken eine negative Überraschung, denn mehr wurde nun gefordert als ursprünglich vereinbart war. Eine Erfahrung, wie sie mir in Variationen in dieser Stadt immer wieder passiert ist.

Jeder meiner Tage dort brachte über 40 Grad Celsius. Es war selbst für die an die Wärme gewöhnten Einwohner Kairos ein besonderer, ein hitziger April. Duschen im Hotel, runter zum wartenden Taxi, hinten Platz nehmen und schon jetzt lief einem der Schweiß aus dem Hosenbein.

Die Taxis selbst sind uralt, klein, knattern. Besonders begehrte Modelle Fiat 127 und 128, sowie Lada 2105 und 2107. Stets auf dem Armaturenbrett die obligatorischen dicken Teppiche, um Risse im Kunststoff zu verhindern, um Blenden durch intensive Sonne zu vermeiden. Aber auch, damit das fahrende „Büro“ hübsch heimelig ist.

Hier mal ein paar Impressionen, die ich aus fahrenden Taxis heraus fotografiert habe. Sieh selbst! Bedenke, wir reden von einer anderen Welt mit anderen Standards.

Ein Polizeistaat, ohne Frage

Seit 1981 ist Hosni Mubarak nun Staatschef, die Fahrt vom Hotel zu einem Besuchsziel führte mich auch an seinem Amtssitz vorbei. Fotos wollte ich vom prunkvollen Gelände machen, doch mein Driver war urplötzlich und erkennbar ängstlich. Er riet mir sehr eindringlich von meinem Vorhaben ab. Fotos von offiziellen Gebäuden und insbesondere von diesem Gebäudekomplex des Staatschefs dürfen unter keinen Umständen fotografiert werden. Das hatte sofort meinen Respekt, dankbar für diese überaus wichtige Information verstaute ich die Kamera.

In Kairo selbst ist gefühlt an jeder Straßen- und Gebäudeecke ein Holzstuhl aufgestellt. Es sitzt ein Uniformierter drauf und der schaut rum ob des Erhalts der öffentlichen Ordnung. Ausgerüstet mit einem Funkgerät und einem Maadi Misr, einer ägyptischen Lizenzkopie des AKM (Automat Kalaschnikow modernisiert), produziert in der Maadi-Fabrik direkt in Kairo.

Meine ägyptischen Begleiter sagte mir später im Vertrauen, man sollte sich generell nicht zu lange mit allzu vielen Leuten im Stadtbild blicken lassen, zu sehr könnte das uniformierte Auge eine (verbotene) Versammlung wahrnehmen. Irgendwann in solch einem Fall, so hieß es, komme zuverlässig ein Bus mit Beamten. Alle Umstehnden würden einkassiert und geringstenfalls tagelang nicht zurückkehren.

Straßenregeln gibt es auch in Kairo, nur befolgt sie keiner. Nicht die Straßenspuren, nicht die Einbahnstraßen und schon gar nicht die Zebrastreifen. Niemand scheint dort zu wissen, was das überhaupt bedeutet.

Vom forcierten Betteln und von sehr harten Menschen

Einige Erlebnisse nun in loser Anordnung. Mögen sie dir ein Bild zeichnen von einem Kairo, wie es sich mir präsentierte.

Vermeintlich selbstlose Helfer

Wir parken rückwärts aus, der dichte Verkehr fließt. Da kommt ein junger Mann, hält für uns kurz den Verkehr an, doch mit einem kurzen Dankesgruß ist es nicht getan. Der Mann fordert Geld, nun ist er derjenige, der die Weiterfahrt unmöglich macht.

Bus rammt Bus

An einem der großen Kreisverkehre ging gar nichts. Ein vollbesetzter Stadtbus wartete, fand keine Möglichkeit zum Einfädeln in den Kreisel. Der Fahrer des Busses dahinter wütete und zeterte in derbem arabisch. Letzterem wurde es irgendwann zu bunt, er fuhr auf den vorderen Bus auf und schob diesen schlicht in den vollen Kreisverkehr. Allen anderen Verkehrsteilnehmern blieb nichts, als durch Halten dieses Spalier zu ermöglichen. Der Moment von Bus auf Bus erzeugte ein sehr vernehmbares Krachen, die Leute auf den Gehwegen zogen vor Schreck die Köpfe ein.

Der sehr fotogene ältere Ägypter

Der alte Mann an der Moschee, landestypisch gekleidet. gutaussehender Mann lokaler Prägung, steht gern für ein Foto zur Verfügung. Zwanzig Minuten später ist er wieder da und fordert ein stolzes Sümmchen Geld. Er hat es bekommen. In Deutschland würden wir sagen, dass ein „Geschmäckle“ zurückbleibt.

Der freundliche Herr aus der U-Bahn zu den Pyramiden

Oder noch ein Highlight, ich korrigiere, Lowlight: Mit der U-Bahn zum Stadtteil Gizeh. Von der Endstation sind es nur ein paar Minuten zu Fuß bis zur Cheops Pyramide. Schon in der U-Bahn spricht mich auf englisch ein sehr höflicher junger Mann an, tolle Konversation, supersympathisch. Und dann steigt er auch in Gizeh aus, hilft sogar beim erforderlichen Nachlösen eines Tickets, bezahlt das kleine Geld sogar selbst für mich aus seiner eigenen Tasche. Ja, er bestand mit Nachdruck darauf. Und dann wird es noch freundlicher: er will mir einen kostenlosen Seitenzugang zu den Pyramiden zeigen. Natürlich endeten wir bei irgendeinem Onkel des jungen Herrn. Geschäftstüchtig wurde mir dort latent aggressiv ein Quad zur Miete offeriert.

Die aggressiven Kamelreiter

Eine Stunde später bestaunte ich die Cheops Pyramide und dieser Moment allein war die ganze Reise wert. Aber Ruhe findet man dort nicht. Alle paar Sekunden kommen Männer auf großen Kamelen, im Angebot das Kamelreiten durch die Wüste. Abgelehnt reiten manche einfach nur schimpfend davon, andere weisen das Kamel an, nach vorn zu stampfen und einen in Bedrängnis zu bringen. Und ich sage dir, Kamele können echt ungemütliche Geschöpfe sein.

Der korrupte Uniformierte

An der Kleinen Straße runter von der Anhöhe der Pyramiden kam ein uniformierter Polizist auf seinem Kamel und mit Pistolenholster am Gürtel auf mich zu, forderte in englischer Sprache ein kleines Geld für sich. Er bekam ein Nein zu hören, doch Mut brauchte es hierfür von meiner Seite schon.

Nilfahrt mit Dorfbesuch

Eine Stunde mit dem Boot flußaufwärts besuchte ich ein Dorf, dessen Puls sich allen festmacht am Warten. Dass also Touristen wie ich ankommen, etwas Geld ausgeben. Tuktuks warten dort und Pferdekutschen. Amerikanissche Touristinnen wurden auf die Kutschen aufgeladen, der Mann vorn auf der Kutsche gab den Pferden die Peitsche und diese rannten los. Ohne jede Rücksicht auf die Menschen rundum. Und bewusst und gewollt ohne Gnade für jene, die noch im Weg standen. Eine Mutter konnte ihr Kind gerade noch wegziehen, fast wäre es von den mit Scheuklappen versehenen Pferden schlicht umgerannt worden.

Das Treten nach Kleineren

Im abendlichen Trubel in den Gassen von Downtown Cairo handeln auch Kinder mit ihren bescheidenden auf auf Decken ausgebreiteten Waren. Mehrfach konnte ich sehen, wie Erwachsene Passanten mit abfälliger Geste nach den sitzenden jungen Händlern treten und zusätzlich Schimpftiraden hören ließen.

Verliebtsein offen zeigen in Kairo keine gute Idee

Ein touristisches must-have war der Besuch der Zitadelle am Stadrand. Schließlich ist die uralte Befestigungsanlage ein  UNESCO-Weltkulturerbe. Dort sah ich ein junges Paar beim harmlosen Händealten, beide um die 18 bis 20 Jahre alt. Früh war zu erkennen, dass von einem nahestehenden Pulk aus sieben Männern, allesamt Anfang bis Mitte 20, nichts Gutes zu erwarten war. So kam es auch, sie umkreisten die Verliebten, schimpften wohl ob der „Promiskuität“ der beiden und er wurde sogar mehrfach geohrfeigt. Wäre es mehr geworden, wäre ich eingeschritten, doch habe ich aufgrund der Umstände dem lieben Gott dafür gedankt, dass ich es nicht musste.

Mein Name verpflichtet. der Erretter, der Retter, der Erlöser. Wo ich bin, da soll kein Unrecht geschehen. Allzu pathetisch? Wie man’s nimmt.

Lebensbedrohliche Geldgier

Auf der Rückfahrt von der Zitadelle gen Downtown Cairo das nächste Beispiel von Unehrlichkeit, von Lebenshärte. Vor Abfahrt wurde, so ist es dort üblich, mit dem Fahrer im babylonischen Sprachenchaos und mit Händefuchteln der Preis vereinbart. Auf einer der vielen Schnellstraßen fing der Driver plötzlich an, recht entschieden gut den doppelten Fahrpreis zu fordern. Meine Mitfahrerin bekam Angst und schließlich weinte sie. Der Fahrer wurde von mir zunächst seriös angesprochen, später und des Ausbleibens seiner Reaktion wegen angeschrien, er sollte sofort rechts ranfahren und uns aussteigen lassen. Er tat es nicht, raste weiter, schrie nun längst seinerseits, wollte mehr Geld. Es war ein kurzer Akt der Selbstverteidigung: ich saß hinter dem Fahrer, wandte Gewalt an, nur bis zu dem Augenblick da dieser rechts rangefahren war. Es war die pure Notwehr. Kaum sind wir ausgesteigen, fuhr der Driver mit durchdrehenden Reifen davon.

Hinterher habe ich mir sagen lassen, die Schnellstraßen seien für Menschen am Straßenrand eine Lebensgefahr. Es sei davon auszugehen, dass der Fahrer Angst bekommen hat, wir könnten einem Verkehrsunfall anheim fallen. In Ägypten ist dass wohl mit das Schlimmste, was einem angelastet werden kann: Schuld am Tod eines Touristen. Das Land hat keine Industrie, dafür das Kulturerbe und die Touristen. Ihnen darf nichts zustoßen, das hatte uns Driver trotz seines verkorksten Charakters wohl deutlich mitsamt Folgenabschätzung vor Augen.

Hausangestellte sind zu ignorieren

Es gibt sie, die guten Menschen. Es gibt sie auch in Kairo. Ihre Freundlichkeit wurde mir zuteil, mitunter war ich Gast in feinem Hause mit Personal. Wenngleich es auch anstrengend für mich gewesen ist, den kulturellen Background insofern zu schätzen, als dass ich die weiblichen Hausangestellten nicht ansprechen durfte. Ein Dank des guten Essens wegen war eindeutig unpassend. Keinesfalls durfte die Hand gereicht werden.

Robustes Drängeln und Boxen in der U-Bahn

Normales Bild, so erlebt und von Kairoern beim Abendessen lächelnd wie beschämt bestätigt: Die U-Bahn Stationen zeigen alle Härte der Stadt. Situation wie folgt, U-Bahn hält, Menschen steigen aus, Menschen steigen ein, so ist es in unseren Köpfen normal. In Kairo allerdings konnte ich an jeder Haltestelle sehen, dass beide Parteien, also Ein- wie Aussteiger, gleichzeitig rein und raus wollen. Sehr unschöne Szenen mit Schubsen und Boxen in den Körper waren allerorts zu sehen.

Stolz, die Kulturschätze gesehen zu haben

Im ägyptischen Nationalmuseum war ich im Raum mit den Mumien, ich stand eine Armeslänge entfernt vor der weltbekannten, uralten und unschätzbar wertvollen Totenmaske des Tutanchamun.

An der Sphinx wie auch an der Cheopspyramide habe ich gestanden, diese monumentalen Relikte unmittelbar erfahren dürfen. Für alle Zeit sind diese Momente in mir, niemand kann sie mir mehr nehmen. Hierfür bleibe ich auf ewig dankbar.

Ausnahmezustand, Ethos und Harmonie

Abends bei einfachen Leuten zu Gast wurde viel gesprochen. So über die Kulturen im Allgemeinen, auch über die Bedeutung der Religion hier wie in anderen Teilen der Welt. Wir thematisierten, wie das Glück in verschiedenen Welten zu erlangen ist, was das Leben zu adeln imstande sein mag.

So blieb uns am Ende die gemeinsame Gewissheit, dass unsere Herzen sich nach Frieden, Harmonie und Erfüllung sehnen. Nun sehe ich das jedoch so, dass vor allem unser tägliches Tun die Welt formt. Güte, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und Ehrlichkeit, sie manifestieren das Gute in der Welt. Es ist nicht einfach da das Gute, du erschaffst es.

Schlussgedanke

Was nur hat die Menschen von Kairo so hart werden lassen? Mit dem Staatschef Mubarak gilt sei 1981 der dauerhafte Ausnahmezustand, präziser formuliert ein permanenter Notstand (Emergency Law), der den Behörden und Sicherheitskräften weitreichende Befugnisse gibt. Die Opposition hat es schwer, Versammlungen bleiben verboten und willkürliche Festnahmen bleiben wenig charmant.

Das Leben hat in dieser Stadt, in diesem Land, allein dort Raum zur Entfaltung, wo die Behörden nicht schauen, nämlich im rein Privaten. Dort in den Stuben wiederum haben Akteure wie die erstarkende Muslimbruderschaft ihre Plattform.

Manche Gedanken können nicht öffentlich geschrieben werden, doch sicher bleibt: die Freiheit des Individuums ist ein wertvolles Gut. Mit ihrer Erosion zeigt sich der Mensch zunehmend weniger menschlich.

Bereise die Welt, sieh mit dem Herzen und wachse.

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